Wir müssen den Beruf des Lehrers wieder anerkennen

Wir müssen den Beruf des Lehrers wieder anerkennen

Der folgende Artikel beleuchtet die Problematik des Lehrerdaseins nicht nur von der marktwirtschaftlichen (zu wenig Geld) oder der arbeitsrechtlichen Seite (zu viele Arbeitsstunden), sondern auch von der gesellschaftlichen (schlechtes Ansehen). Der Autor kommt zu dem Schluss, dass die Ursachen für die gesellschaftliche Geringschätzung des Lehramtsberufes in unserem Wertesystem und unserer Tradition verhaftet sind, welche zwar den Anspruch auf gute Ausbildung erhebt, aber nichts dafür zahlen möchte. Dieser Geringschätzung wiederum liegt ein Bildungs- und Schulbegriff zugrunde, der im unteren Bereich der gesellschaftlichen Werteskala anzusiedeln ist.

Lehrer sein ist oft eine Qual: Von der Öffentlichkeit verachtet oder bedauert, viel zu lange Arbeitszeiten, und auch an Wochenenden kein Ende der Arbeit in Sicht: Das ist bundesweit für den größten Teil der staatlich geprüften Lehrer die außerhalb der Ferien fast wöchentlich wiederkehrende Realität.

Wie kommt es, dass der Lehrerberuf bei uns so schlecht angesehen ist?

Aber woraus resultiert die geringe Wertschätzung der Lehrer in unserer Öffentlichkeit? Diese nimmt meist nur wahr, dass Lehrer – bei voller Bezahlung – nur vormittags arbeiten und „mehr Ferien haben als alle anderen zusammen“, ohne zu bedenken, dass Lehrer auch verpflichtet sind, die Stunden vor- und nachzubereiten, Klassenarbeiten zu erstellen, an Konferenzen teilnehmen und sonstigen schulischen Verpflichtungen nachzugehen. Dass viele Lehrer an Wochenenden und in den Ferien die Arbeit nachholen, die sie während der normalen Schulzeit nicht schaffen, wird nicht gesehen – und oft noch nicht einmal geglaubt. “Lehrer sind faule Säcke.” – hat der ehemalige Bundeskanzler Schröder im Jahre 1996 einmal gesagt, als er noch Ministerpräsident von Niedersachsen war und damit – trotz der allgemein folgenden Empörung – nur ausgesprochen, was viele gedacht haben – und immer noch denken.

Wir machen uns oft nicht klar, wie wichtig der Lehrauftrag ist, den unsere Lehrer auszuüben haben. Denn von den Lehrern hängt es – neben den Eltern – doch maßgeblich ab, ob sich unsere Kinder in Zukunft in der Gesellschaft behaupten können oder nicht. Theoretisch wird „Bildung“ zwar großgeschrieben, etwas dafür ausgeben wollen die meisten Deutschen aber nicht. Ein Haus oder eine Wohnung, ein neues Auto oder eine Urlaubsreise sind für die meisten wichtiger. Objektiv betrachtet führt der Bildungsbegriff an öffentlichen deutschen Schulen ein kümmerliches Schatten-Dasein. Und so wie der Bildungsbegriff im öffentlichen Bewusstsein nur geringe Priorität genießt, so wird auch die Institution „Schule“ i. d. R. lediglich als „notwendiges Übel“ wahrgenommen, dass man über sich ergehen lassen muss. Schule wird von der breiten Öffentlichkeit sicherlich nicht als ein Ort gesehen, an dem sich Schüler entfalten und Lehrer ihre Kompetenz unter Beweis stellen können.

Die Geringschätzung der Lehrer hängt also nicht nur mit deren negativem Image zusammen, sondern maßgeblich mit dem geringen Stellenwert, den Bildung insgesamt in unserer Gesellschaft einnimmt.

Warum ist der Lehrerberuf so schwierig?

In dieser allgemeinen Atmosphäre der Geringschätzung – und sogar Verachtung – für ihren Beruf haben Lehrer tagtäglich mit drei weiteren Hürden zu kämpfen: „Im Lehreralltag gibt es drei große Belastungsfaktoren: Das sind schwierige Schüler, große Klassen und hohe Stundenzahl”, erklärt die psychologische Beraterin Susanne Döbler-Eschbach, die selbst Lehrerin ist. (http://bildungsklick.de/a/85234/mit-viel-freude-in-den-lehrerberuf-gehen). Man könnte noch hinzufügen: Die Eltern. Nicht alle Eltern sind einsichtig und mischen sich zum Teil SEHR PENETRANT in die Unterrichtsgestaltung ein, insbesondere dann, wenn der Zögling oder die Tochter nicht die „verdiente“ Note mit nach Hause bringt.

Gesundheitliche Folgen der permanenten beruflichen Überlastung sowie der öffentlichen Geringschätzung des Lehrerberufes

Die Folgen der gesellschaftlichen Ächtung sowie der starken beruflichen Anspannung äußern sich äußerlich in langen Arbeitstagen und regelmäßiger Wochenendarbeit. Haben die Lehrer dann noch Familie, bekommen sie Privatleben und berufliche Verpflichtungen oft nicht mehr „unter einen Hut“.
Die psychischen und physischen Folgen: Unzufriedenheit, Stress und – wenn die Belastung über Jahre nicht abreißt – Krankheit. Es ist deshalb kein Wunder, dass kaum eine andere Berufsgruppe so stark von dem Burnout-Syndrom betroffen ist wie Lehrer.

Welche gesellschaftlichen Folgen hat es, dass der Bildungs- und Schulbegriff einen so geringen Stellenwert im öffentlichen Bewusstsein einnehmen?

Die Tatsache, dass im öffentlichen Bewusstsein „Schule“ und „Bildung“ “nicht so wichtig“ sind, hat verheerende Folgen

für den Unterricht und die Lehrer

  • die meisten Lehrer sind für das tatsächlich zu leistende Volumen zu schlecht bezahlt
  • Fast alle Lehrer werden durch das reguläre Arbeitsvolumen (Anzahl der Klassen, Vor- und Nachbereitung, Konferenzen, sonstige schulische Aufgaben) sowohl zeitlich als auch physisch überfordert
  • die Schulklassen sind so groß, dass ein zielorientiertes, pädagogisch fundiertes Unterrichten kaum noch möglich ist
  • durch die zu großen Klassen sowie das zu hohe Arbeitsvolumen muss die Unterrichtsqualität zwangsläufig unter das noch akzeptable Mindestniveau sinken

für die Lehramtsausbildung

  • Kaum jemand möchte noch den Lehrerberuf ausüben. Aufgrund der öffentlichen Schmähung sowie der schlechten Behandlung durch die Medien und manchmal selbst durch die Behörden entscheiden sich immer weniger Abiturienten für diesen Beruf
  • Die besten Leute wandern in andere Berufszweige ab, so dass herausragende Lehrer ganz selten anzutreffen sind
  • Lehrermangel ist aufgrund des immer wieder propagierten negativen Images der Lehrer in der Presse zu bundesweit zu erwarten, in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz auch bereits zeitweise akut
  • die Ausbildung der Lehrer wird als „nicht so wichtig“ empfunden. Dem entsprechend wird auch jeder Abiturient zum Lehramtsstudium zugelassen – was zur Folge hat, dass nicht selten dieser Berufszweig gewählt wird, weil der Notendurchschnitt für den gewünschten NC-Studiengang nicht ausreicht

    Die Folge: Nicht selten sind es die weniger Begabten, die an diesem Beruf „hängen bleiben“, weil ihnen andere Berufswege verschlossen sind

  • Einen Numerus Clausus für das Lehramtsstudium kann man an den Unis aufgrund der Geringschätzung des Studienganges kaum einführen, und auch das im Beruf zu erwartende Arbeitsvolumen und die vergleichsweise geringe Bezahlung rechtfertigen nicht die Einführung eines Numerus Clausus‘.

Was kann der Staat tun?

Wie aber kann nun in dieser – für die Bildung und unser Land bedrohlichen – Situation Abhilfe geschaffen werden? Der Staat hat sicherlich die Pflicht, hier gezielt einzugreifen und den Beruf des Lehrers attraktiver zu gestalten durch:

  • höhere Gehälter
  • weniger Schulklassen pro Lehrer
  • Verkleinerung der Klassen

Insbesondere die Verkleinerung der Klassen ist von höchster Wichtigkeit, denn nur so kann ein pädagogischer Mindesterfolg gewährleistet werden und der Lehrer bzw. die Lehrerin den Überblick behalten. An der durchschnittlichen Größe einer Schulklasse kann man überdies sehr gut ablesen, wie wichtig der Gesellschaft des betreffenden Staates die Ausbildung ihrer Kinder sowie das Gut „Bildung“ sind.

Aber der Staat kann noch mehr tun: Er muss die Besten der Besten für die Ausbildung als Lehrer gewinnen, damit eine erstklassige Ausbildung in einem Staat, den viele gerne als fortschrittlich beschreiben, zumindest möglich ist. Aufgabe des Staates ist es, Programme zu entwickeln, deren Ziel es sein muss, nicht nur durchschnittlich begabte Studenten, sondern hochbegabte und hoch motivierte Studenten anzulocken. Da ein Numerus Clausus aus oben erwähnten Gründen und weil dieser keine Garantie für Lehrbefähigung mit sich bringt, sinnvoll ist, könnten stattdessen Eignungsprüfungen stattfinden, die sich aus einer Vielzahl von Gesprächen, Leistungsprüfungen und Interaktionen zusammensetzen. Ziel aller Programme und Prüfungen muss es sein, hochbegabte und hochmotivierte Abiturienten für den Lehrerberuf zu interessieren.

Was können wir tun?

Und wir, was können wir tun? Nun, wir können unsere Anerkennung für die Leistungen von Lehrern zeigen, welche herausragend sind oder ihre Arbeit zumindest gut oder auch nur zufriedenstellend ausführen.

Erwachsene sind ebenso wie Kinder auf positives Feedback angewiesen und müssen immer wieder stimuliert werden, weiterzumachen und sich neu zu engagieren, insbesondere die Lehrer, welche ein Lob verdient haben. Denn sonst geben sie irgendwann auf oder brennen aus – wie die Statistiken nur allzu überzeugend zeigen.

Aber wie soll man nun mit den Lehrern verfahren, die keine Überflieger sind und eher schlechte Leistungen bringen? Nun, vielleicht können wir auch ruhig mal Verständnis für die Problematik zeigen, in der sich Lehrer befinden. Das heißt sicherlich nicht, dass wir auf jegliche Kritik verzichten. Vielmehr sollten wir darauf drängen, dass Bildung ein sehr wichtiges und sehr wertvolles Gut ist und dass uns an der Erziehung unserer Kinder sehr viel liegt. Und natürlich auch, dass wir darauf hinwirken, die Haltung der Lehrers zu korrigieren, falls sie diese Einstellung als zu idealistisch empfindet.

Der Bildungsbegriff in Korea und Japan – ein Vorbild für unsere Gesellschaft

in Japan und Korea ist der Beruf des Lehrers hoch angesehen und jeder Ältere wird auch mit „Lehrer“ angesprochen (für ältere Leute UND für Lehrer wird das Wort Sensei (Japan) oder Seon Saeng Nim Korea) verwendet, wörtlich heißen die Worte: Verehrte(r) vorher Geborene(r)). Der Respekt vor älteren Leuten und Lehrern ist in der ostasiatischen Gesellschaft tief verankert und vielleicht können wir daraus lernen. Es sei hier abschließend bewusst erwähnt, dass beispielsweise koreanische Eltern durchschnittlich EIN DRITTEL Ihres Einkommens für die Ausbildung ihrer Kinder ausgeben. Ein neuer Wagen, ein neue Fernseher oder Urlaub – ja selbst eine Wohnung – müssen eben warten – es gibt einfach nichts Wichtigeres als die Ausbildung der Kinder!

Und möglicherweise gibt es uns ja auch zu denken, dass der Begründer des heutigen China, Mao Tse-tung (auch: Mao Zedong), bevor er politisch in Erscheinung trat, Volksschullehrer war. Damit will ich keine Grundsatzdiskussion über den chinesischen Kommunismus ins Leben rufen, sondern nur andeuten, wie respektiert Lehrer in der chinesischen Gesellschaft sind – denn sonst hätte er nie so viele Anhänger gefunden, insbesondere in der Anfangsphase, als er noch keine Macht hatte.

Unsere Kinder sind unser höchstes Gut

Unsere Kinder sind unser höchstes Gut – und die Ausbildung unserer Kinder ist ein wichtiger Bestandteil dieses höchsten Gutes, dessen, was später unsere Kinder als Erwachsene ausmachen wird. Hier sollten wir nicht sparen, sondern gezielt und bewusst investieren, an Geld, Aufmerksamkeit, Liebe, Zeit und Geduld. Und wir sollten auch nicht mit Anerkennung für diejenigen Lehrer, Pädagogen, Helfer und Eltern sparen, welche unsere Kinder mit viel Geduld, Aufmerksamkeit, Fürsorge und Liebe auf den richtigen Weg bringen und so in verantwortungsvoller Weise dafür sorgen, dass sie sich im späteren Leben behaupten können. Denn damit ist uns allen geholfen.

Einen Artikel, der sich mit der Krankheitsanfälligkeit der Lehrer und deren Ursachen beschäftigt, finden Sie hier.