Frontalunterricht abschaffen – Alles Quatsch?

Frontalunterricht abschaffen – Alles Quatsch?

Gerald Hüther, Professor für Neurobiologe und Leiter der Zentralstelle für Neurobiologische Präventionsforschung der Universität Göttingen, hat eine für das klassische Unterrichtsverständnis provokative These aufgestellt: Schafft den Frontalunterricht ab! Außerdem spricht er sich gegen „streng begrenzte Lehrpläne“ aus.

„Aber wie soll man dann noch unterrichten können? werden Sie sich fragen. „Wie sollen die Lehrpläne denn dann aussehen und irgendjemand MUSS ja da vorne stehen.“ Wirklich?
Unser Unterricht fördert nur kurzzeitig abrufbares Wissen.

Prof. Hüther argumentiert, dass mit Frontalunterricht und unseren gegenwärtigen Lehrplänen nicht die Begabung der Kinder gefördert wird, sondern nur eingeschränkt abrufbares Wissen.

Der persönliche Bezug zum Gelernten fehlt, so dass dieses nur kurzzeitig für Prüfungen zur Verfügung steht, bevor es dann völlig vergessen wird. Er schlägt stattdessen ein pädagogisches Konzept vor, welches bei den Kindern Interesse an einem bestimmten Fachgebiet oder einer Sache auslöst. „Die Hirnforschung bestätigt: Sobald sich Schüler für etwas interessieren, eignen sie sich das Wissen in sehr kurzer Zeit an, und dann bleibt es auch hängen.“ (Spiegel-Interview vom 21.08.2012).

Die Eigensteuerung des Kindes entscheidet über den Lernerfolg

Mit dieser Schlussfolgerung steht Prof. Hüther durchaus nicht allein. Auch Herr Dr. Jansen, der das Buch Sachbuch „Positiv lernen“ zum Thema „Lernstrategien“ geschrieben hat (Positiv lernen von Fritz Jansen, Uta Streit, Springer-Verlag), vertritt die Ansicht, dass die Eigensteuerung des Kindes einzig und allein über den Lernerfolg entscheidet.

Ergo: Wenn das Kind nicht lernen will oder „kann“, beeinflusse die es umgebenden Faktoren so, dass die Eigensteuerung des Kindes positiv beeinflusst wird, dann lernt das Kind von alleine.

Dieser Ansatz funktioniert selbst bei Kindern mit Legasthenie und der sog. Dyskalkulie (Rechenschwäche). Prof. Hüther geht sogar so weit, dass bei einem entsprechenden Ansatz des freiwilligen Lernens die Schuldauer um zwei weitere Jahre verkürzt werden kann.

Grundprobleme unseres Schulsystems

So provokativ und revolutionär die These von Hüther – und Dr. Jansen – auch scheinen mag, sie spricht einige grundlegende Probleme unserer Schulen an: Frontalunterricht ist nicht für alle geeignet. Es wird nur analytisch-kognitives Wissen gemessen.

In unserem Schulsystem werden nicht Begabungen gefördert, sondern selektiertes Wissen für einen beschränkten Zeitraum abrufbar „eingetrichtert“, so dass es danach in der Regel vergessen wird – und zwar für immer.
Anstatt Schüler zu motivieren, werden sie oft demotiviert, indem man Ihnen einredet, dass sie für eine bestimmte Materie „unbegabt“ sind. Dadurch reagiert das menschliche Gehirn mit einer „Lernverweigerungsstrategie“
Die Frage ist: Wie soll nun Prof. Hüthers These von der schulischen Förderung der individuellen Begabung umgesetzt werden? Wie muss Schule sich dann ändern? Prof. Hüther geht in dem oben zitierten Spiegel-Interview davon aus, dass es bereits in 6 Jahren unser Schulsystem in der jetzigen Form nicht mehr geben wird.

Was wird aus unserem Schulsystem?

Alle sind sicherlich nicht dieser Ansicht. Auch stellt sich die Frage, wie denn die durch Hüthers Prinzip ausgelösten Lernbegeisterungen messbar gemacht werden sollen.
Sollte man beispielsweise auf eine Beurteilung und damit eine Versetzung in die nächste Klassenstufe ganz verzichten – so wie die Waldorfschulen in den Grundschuljahren? Und wenn nicht, welche Mindestvoraussetzungen müssten denn erfüllt sein, damit eine Versetzung gerechtfertigt werden könnte? Welche Hierarchie sollten die einzelnen Fächer untereinander einnehmen? Sollte Kunst wichtiger sein als Mathe? Oder umgekehrt? Sollte Religion eine untergeordnete Rolle spielen oder eine besonders wichtige? Sollte eine unzureichende Leistung in Physik durch eine gute Leistung in Fremdsprachen ausgeglichen werden können? Sollten grundsätzlich unzureichende Leistungen in Naturwissenschaften durch überdurchschnittliche Leistungen in beispielsweise Sprachen, Kunst oder Deutsch ausgeglichen werden können – oder umgekehrt?

Aber die Kernfrage ist: Kann ein individueller Ansatz überhaupt institutionalisiert werden? Und: Wird bei Einführung eines neuen Schulsystems – nach den Experimenten der letzten Jahre – nicht ein noch größeres Chaos entstehen, das vor allem den Schülern schadet, die wir doch fördern wollen?

Was denken Sie darüber? Schreiben Sie uns Ihre Meinung!