Weniger Vorsicht in der Kindererziehung

Weniger Vorsicht in der Kindererziehung

Kinder lieben es, sich auszutoben. Sie klettern auf Bäume, rutschen von Abhängen und manchmal raufen sie auch miteinander. Dabei kommt es zu blauen Flecken, zerrissenen Hosenbeinen und tränenden Augen. Um ihre Kinder vor angeblichen Gefahren zu bewahren, behüten manche Eltern sie rund um die Uhr und schirmen sie von allem ab, was ein Risiko darstellen könnte. Kritiker behaupten, dass den Kindern somit ein wichtiger Teil ihrer Entwicklung genommen wird. Also: „Nachhilfe für (manche) Eltern?“

Kinder wollen Wagnisse eingehen

Ein Kind klettert einen Baum hinauf. Ast für Ast hangelt es sich empor. Leicht könnte es abrutschen, hinunterfallen und sich beim Sturz verletzen. Doch wenig später sitzt es triumphierend auf dem Wipfel, stolz auf seine Leistung. Kinder spielen gerne mit Wagnissen. Sie lieben es Grenzen auszutesten, ihre eigenen Fähigkeiten auf den Prüfstand zu nehmen und neues zu entdecken.

Eltern hüllen ihren Nachwuchs in Watte

Die Geschichte mit dem Baum hätte auch anders ausgehen können. Kurz vor Erreichen des Wipfels sieht die Mutter des Kindes was passiert. Aufgeregt kommt sie angelaufen. “Pass auf. Das ist gefährlich. Komm sofort wieder runter.” Das Kind wird aus seiner Konzentration gerissen, greift daneben und fällt. Mit ein paar Schrammen landet weinend es in den Armen der Mutter. “Jag mir nie wieder so eine Angst ein. Was dir alles hätte passieren können.” Vergleichbare Szenen spielen sich tagtäglich ab. Wo ihre Umwelt für Kinder ein Ort voller Herausforderungen ist, lauern für ihre Eltern überall Gefahren. Das Resultat: Viele Eltern packen ihre Kinder in Watte. Toben in der Natur ist verboten. Auf den Spielplatz nur unter Aufsicht. Der Schulweg wird im elterlichen Auto bewältigt.

Kinder entwickeln Vertrauen in ihre Fähigkeiten

Doch was vielen Eltern Angst macht, hilft gerade Kindern diese zu überwinden. Das Kind auf dem Baum sieht das Risiko, möglicherweise verspürt es sogar selbst Angst abzurutschen. Doch mit jedem Griff sinkt diese Angst. Das Kind lernt seine eigenen Fähigkeiten kennen und gewinnt Vertrauen in sich selbst. Durch eigenes Handeln und Übung lernt das Kind mit Risiken umzugehen.

Übertriebene Vorsicht befördert Entwicklungsdefizite

Ängstliche Eltern führen auch zu ängstlichen Kindern, so die Meinung von Experten. Wer als Kind nicht lernt Herausforderungen zu meistern und dabei Ängste zu überwinden, dem fällt dies auch als Erwachsener schwer. Erwachsene fürchten sich weiterhin vor Dingen, die ihnen als Kind als gefährlich beschrieben werden. Die eigenen Fähigkeiten werden unterschätzt, weil man nie die Möglichkeit hatte, Vertrauen in sie zu entwickeln. Hinzu kommen oftmals motorische, kognitive und auch soziale Defizite.

Kurzum: Wenn wir uns daran erinnern (können), was wir als Kind gerne getan haben oder hätten, fällt es dem einen oder anderen wahrscheinlich leichter, auch einmal ein kalkulierbares Risiko einzugehen und damit dem Nachwuchs zu den so wichtigen Erfahrungen zu verhelfen.