Legasthenie kein berufliches Hindernis

Legasthenie muss kein berufliches Hindernis sein – ganz im Gegenteil

Legastheniker hatten einst mit wenig schmeichelhaften Vorurteilen zu kämpfen. Ein Kind mit einer Lese-Rechtschreibschwäche wurde einfach als unbegabt abgestempelt, was in der Schule im schlimmsten Fall zu Häme von Mitschülern und sogar Bestrafung durch Lehrer führte. Heutzutage weiß man es glücklicherweise besser. Doch wird dadurch der Alltag von Legasthenikern zwangsläufig leichter?

Legasthenische Kinder scheitern selbst in Fächern, die sie beherrschen

Imageaufbesserung hin oder her, das grundsätzliche Problem bleibt bestehen. Legasthenische Kinder lesen weitaus langsamer als ihre Altersgenossen. Ihre eigenen Texte sind oftmals nicht nur durchzogen von Fehlern, sondern nahezu unverständlich geschrieben. Selbst in Fächern, in denen sie prinzipiell gut sind und dies anhand ihrer mündlichen Noten auch belegen können, stellen schriftliche Prüfungen kaum überwindbare Hindernisse für legasthenische Schülerinnen und Schüler dar. Die Schule wird als Mühsal empfunden, der Abschluss oftmals nur mit Not erreicht.

Studium und Beruf setzen die Strapazen fort

Doch nach der Schule folgen schon die nächsten Strapazen. Im Studium steigt das Textniveau noch einmal an. Und wo in der Schule evtl. noch mit Verständnis und persönlicher Betreuung einzelner Lehrer zu rechnen war, gehen die Legastheniker in der Anonymität vieler Hochschulen einfach unter. Im Beruf sieht es nicht besser aus. Fehlerhafte E-Mails und stundenlanges Lesen von Berichten sind nichts, was ein Vorgesetzter lange mitmacht.

Die Berufswahl ist nicht so eingeschränkt, wie es den Anschein hat

Sind Legastheniker also dazu verdammt, ihre gesamte berufliche Karriere an ihrer Lese-Rechtschreibschwäche auszurichten? Sich Berufe zu suchen, die ihnen vielleicht keinen Spaß machen, für die sie vielleicht nicht einmal besonders talentiert sind, in denen sie aber ihr Handicap verbergen können? Es hat den Anschein. Doch Maler, Klempner und Bäcker sind nicht die einzigen Berufe, in denen Legastheniker komplizierten Texten weitestgehend aus dem Weg gehen können.

Selbstständigkeit hilft unerfüllbare Erwartungen zu umgehen

Viele Legastheniker umgehen die Erwartungen ihres beruflichen Umfelds, an ihren Umgang mit Texten, indem sie sich selbstständig machen und so dieses Umfeld selbst kreieren. Wer sein eigener Chef ist, braucht sich nicht an Ansprüchen zu messen, die er aufgrund seiner Lese-Rechtschreibschwäche nicht erfüllen kann. Er kann die Ansprüche an sich selbst so gestalten, dass sie mit seiner Legasthenie in Einklang zu bringen sind.

Legastheniker haben als Unternehmer sogar Vorteile

Dabei ist der Aufbau und die Führung eines Unternehmens nicht nur Mittel zum Zwecke. Legastheniker können aus ihrer vermeintlichen Schwäche sogar Vorteile ziehen. Wer früh lernt, mit Rückschlägen umzugehen – weil er beispielsweise regelmäßig durch Prüfungen fällt – steigert nicht nur seine Hartnäckigkeit, sondern kann auch Niederlagen besser verarbeiten. Wer langsamer liest als andere, lernt umso fokussierter zu arbeiten, um die seine Nachteile wett zu machen. Wer regelmäßig auf die Fähigkeiten anderer angewiesen ist, lernt Aufgaben und Verantwortung zu delegieren. Klassische Unternehmereigenschaften.

Legastheniker sind weitaus öfter Unternehmer als der Bevölkerungsdurchschnitt

Und wie sieht es in der Praxis aus? Tatsächlich befinden sich unter Unternehmern überdurchschnittlich viele Legastheniker. Laut einer Studie der London Cass Business School haben 20 Prozent der englischen und 35 Prozent der amerikanischen Unternehmer eine Lese-Rechtschreibschwäche. In der Gesamtbevölkerung sind es nur etwa 4 Prozent. Unter diesen 20 bzw. 35 Prozent befinden sich nicht nur viele erfolgreiche Geschäftsführer mittelständischer Unternehmen. Auch für Persönlichkeiten wie den Medienmogul Ted Turner oder den illustren CEO-Star Richard Branson stellte ihre Legasthenie kein Hindernis dar.